John
ist beim Institut für Verfahrenstechnik an der TU-BraunschweigLiebe Leute,
ich sitze gerade an meinem Schreibtisch, mit einer
Kanne voll Tee, und dachte, dass ein quasi-Brief in
Ordnung wäre. Deutschland? Ich muss sagen, dass dieses
Jahr wesentlich mehr bedeutet hat als ich gedacht habe.
Ich bin jetzt in meinem dritten und letzten Monat am
Institut für Verfahrenstechnik hier an der TU-Braunschweig.
Ich habe an einem sogenannten foulingprocess Versuch
gearbeitet. Ich will aber erst über ein paar andere
Sachen reden, und später dann über meine Erlebnisse mit
meiner Arbeit sprechen. (Mit anderen Worten: NICHT heute)
Im September bin ich hier angekommen, in ein
regnerisches und kaltes Land. Meine ersten Erlebnisse
hatten mit Einsamkeit und mit dem Wetter zu tun, und ich
glaube, dass viele von meinen Kollegen dieselben
Erlebnisse gehabt haben. Aber, nach dem ersten Monat gab
es so viel Interessantes - es war unglaublich. Ich wohne
in einer Wohngemeinschaft mit drei Deutschen. Meine
Mitbewohner - David, Gesa und Katja waren immer nett zu
mir, aber in den ersten Monaten waren sie alle ein
bißchen zu Deutsch. Wie kann ich das besser sagen? Ich
lernte, dass wir das Geschirr spülen, aber nicht
nachspülen. Das war für mich ein Überraschung. Ich habe
früher gedacht, dass Spülmittel gesundheitsschädlich ist,
aber ich lernte, dass bei sparsamer Verwendung des
Spülmittels keine großen
Rückstände am Geschirr bleiben. Ahh ja. David hat mir
erklärt dass das eine uralte Tradition ist. Sie kommt
von den früheren Deutschen, die auf Bauernhöfen gelebt
haben. Wasser war nicht nur aufwendig zu kriegen,
sondern auch zu erwärmen. Deswegen haben die Leute
einfach nur einen Eimer Wasser gekocht und das Wasser
für den ganzen Abwasch benutzt. Ich glaube, dass ich
diese Geschichte hundert mal erzählt habe. Es ist fast
meine Lieblingsgeschichte.
Ich habe oben schon erwähnt,dass ich in einer WG
wohne. Das bedeutet, dass ich in keinem
Studentenwohnheim wohne. Das ist ein großer Unterschied,
weil ich andere Erlebnisse als die anderen Amerikaner
hatte. Die Wohnung liegt ganz in der Nähe von der
Universität, daher bemerkte ich sehr früh, dass ich ein
Fahrrad brauchte. Zuerst habe ich Dennis Fahrrad benutzt.
Dennis ist der Deutsche, der jetzt bei URI ist. Er ist
total nett - leider habe ich ihn nicht richtig
kennengelernt. Ja, dieser Brief/Geschichte hat wirklich
keine Ordnung. Es tut mir leid, aber es ist ungefähr 2
Uhr nachts, aber ich darf mich noch nicht schlafen legen.
Morgen muss ich von 23 Uhr bis 7 Uhr arbeiten... ja,
während der Nacht. Wir führen einen Versuch durch, der
rund um die Uhr bertreut werden muss. Und ich habe so
viel Glück gehabt, dass ich der Mensch bin, der diese
Nachtschicht bekam. Ich werde später mehr darüber
sprechen, aber ich will praktisch in diesen Brief etwas
über mein Leben in Deutschland - bevor ich gearbeitet
habe - erzählen. Später schreibe ich ein Mail, die meine
Arbeit beschreibt, aber jetzt noch nicht. Ich will erst
erklären, was sehr wichtig für mich war und ist - mein
Leben in Braunschweig.
Während meines ersten Monats habe ich viel über
Amerika gelernt. Die deutsche Perspektive ist sehr
interessant. Normalerweise, habe ich in den USA nur
nationale Nachrichten gesehen. Es war typisch für mich,
nicht so viel über Länder ausser den USA zu hören. Ich
frage mich gerade warum? Ich weiß nicht, vielleicht war
es meine eigene Perspektive. Ich habe ziemlich viel über
Deutschland gehört, aber nicht sehr viel über die
anderen Länder der Welt. Als ich erst hier angekommen
bin, wurde ich sofort attackiert und von vielen Leuten
gefragt: “Wie kann Amerika das und das tun" oder “Was
bedeutet das und das". Bush wird hier quasi gehasst. Ich
habe einfach gesagt, dass Bush nicht meine Entscheidung
war, sondern meiner Meinung nach ein grosses Fehler des
amerikanischen Systems. Ich will diesen Brief nicht zu
politisch gestalten. Leute haben mich gefragt, (weil ich
in Umweltsachen interessiert bin) warum wir das Kyoto-Protokoll
nicht akzeptiert haben. Ich hatte keine gute Antwort
dafür. Err, ja. (Das Kyoto-Protokoll hat mit
Umweltschutz zu tun und wurde von allen
industrialisierten Ländern, ausser den USA akzeptiert!)
Und dann... DANN sind die Fragen über Afghanistan
gekommen. Es war sofort klar, dass meine Meinung nicht
die Gleiche wie die “typische amerikanische Meinung" ist.
Und dass bringt mich zu meinem nächsten Punkt. Was ist
Amerikanisch? OOOHHH!!!
Also, als ich in diesem ersten Monat sehr einsam war
und als ich meine Freundin und Familie sehr vermisste,
gab es auch diese große philosophische Frage: Wer bin
ich, und wo kam ich her? Einfach, oder? Ich habe die
natürlich noch nicht vollig beantwortet. Ich studiere
Verfahrenstechnik, nicht Philosophie. Ich habe viel aber
darüber nachgedacht. Das ist keine Frage, die ich hätte
beantworten können, als ich noch zu Hause war. Es ist
eine Frage, die einem nur im Ausland in den Kopf kommt.
Ich habe gedacht, dass ich kein typischer Amerikaner
bin, aber zur gleichen Zeit habe ich auch gedacht, dass
Amerika keine typischen Amerikaner hat. Die Antwort ist
ganz einfach, dachte ich. Wir sind alle so
unterschiedlich, dass ein Vorurteil über den typischen
Amerikaner unmöglich zu formulieren ist. Danach habe ich
mich etwas anderes gefragt. Haben wir Kultur? Was ist
das? Und dann ist alles klar geworden. Amerika, dachte
ich, ist kein “melting pot", sondern ein kulturelles
Mosaik. Wenn man von innen unsere Kultur betrachtet,
sieht man nur verschiedene Leute mit unterschiedlichen
Kulturen. Von aussen sehen alle Leute weltweit EIN
Amerika. Sie sehen keine Portugiesen oder Italiener oder
Afroamerikaner, sondern sie sehen nur amerikanische
Leute. Das bedeutet, dass wir eigentlich echte Kultur
haben. In Amerika bedeutet Kultur nicht so sehr das was
niedergeschrieben oder gebaut wurde, sondern das was und
wie die Menschen sind. Kultur kann auch, wie meine
Mitbewohnerin Katja sagte, eine “Wegwerfkultur" sein.
Auch ich sehe nicht nur Positives, wenn ich an die
amerikanische Kultur denke, sondern für mich ist
amerikanische Kultur der Kapitalismus, freie und völlig
unkontrollierte Entscheidungen, die Sklaverei, der
allmächtige Dollar und die soziale Ungerechtigkeit aber
auch Hollywood, oder auch, dass mich auf offener Stra_e
Leute grü_en, die ich nicht kenne. Ich meine, wir sind
das stärkste Land der Welt, wir haben die größte _konomie
und Industrie, und wir haben eine “Arbeitsmoral" wie
kein anderes Land. Wir reisen nicht so viel wie die
Deutschen, wir arbeiten ungefähr 50h/Woche, und wir
erwarten nichts anderes von unserem Leben als “größer,
schneller, weiter, BESSER". So betrachtet kann man sehen,
warum wir nicht so viel mit den anderen Ländern der Welt
zu tun haben. Wir haben diese Perspektive dass wir als
Amerikaner immer Chancen haben, ein besseres Leben zu
haben.
Naturlich habe ich viel mit meinen Mitbewohnern
gesprochen. Inzwischen bedeutet Braunschweig mehr für
mich als Deutschunterricht und Kurse in
Verfahrenstechnik. Ich habe gelernt, wo ich her komme.
Jetzt will ich ein bißchen über andere Sachen
schreiben. Ich habe während der ersten Monate
herausgefunden, dass es viele Unterschiede zwischen
Deutschland und den USA gibt. Normalerweise sind die
Unterschiede nicht besser oder schlechter, sondern
anders. Alles ist ein bißchen anders, nicht nur die
Sprache. Aber dass ist etwas sehr wichtiges, und ich
spreche später mehr darüber. In den ersten paar Monaten
waren die Unterschiede sehr nervig. Brot ist anders,
Milch, und Mehl. Milch wird in 4 Tagen sauer, Brot
verschimmelt sehr schnell, aber die Qualität ist
unglaublich gut. Die Leute sind anders - direkter als
die Amerikaner, wie ich finde. Das Wetter ist, mit einem
Wort, bedauerlich. Also ist auch hier nicht alles
perfekt. Noch nicht. Ich glaube, dass ich mit genug
Arbeit das Wetter ändern kann. Ja, vielleicht J. Es gibt
mehr, als nur Gebäude in Deutschland. Es gibt mehr als
den Zweiten Weltkrieg. Aber der Krieg spielt immer noch
eine sehr wichtige Rolle, zum Beispiel, die Deutschen
haben ein richtiges Problem mit ihrem Nationalstolz. Zur
Erklärung: Nach dem Krieg war Deutschland so zerstört,
dass die Leute einfach gesagt haben:“NIE WIEDER". Man
sieht fast keine Deutsche Flaggen, fast keinen
Nationalstolz, fast keine “Yeah Deutschland" Rufe. Das
ist wirklich traurig, finde ich, weil Deutschland ist so
voller Kultur und die Leute haben so viele Erlebnisse
mitzuteilen.
Ich denke, dass dieser Brief jetzt lang genug ist.
Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende. Nächste
Woche kommen meine Eltern. Wir reisen eine Woche lang
durch Deutschland. Das wird ein Spaß!
Bis demnächst,
John DiMuro |